Absetzen der Medikamente

Absetzen von Antidepressiva

 

 

Grundsätzlich sollten alle Psychopharmaka langsam reduziert werden, so lassen sich in den meisten Fällen Komplikationen verhindern bzw. minimieren. Eine ärztliche Überwachung dieser Reduktion ist ebenfalls unerlässlich.

Mögliche Absetzysmptome

Es Folgt ein Artikel von Prof. Dr. med. G. Gründer, Stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Uniklinik RWTH Aachen und Leiter der dortigen Arbeitsgruppe molekulare und klinische Psychopharmakologie. Seine Schilderungen anhand der selektiven Wiederaufnahme-Hemmer treffen auch auf andere Gruppen von Antidepressiva, Neuroleptika und weitere Medikamente zu. Ausgenommen davon ist eine Abhängigkeit von Benzodiazepinen und/oder Z-Drugs.

 

Artikel von Prof. Dr. med. G. Gründer

Zunächst einmal ist wichtig: Der Begriff „Entzugserscheinungen“ ist das falsche Wort. Antidepressiva machen nicht süchtig wie Alkohol, Opiate oder Kokain. Bei diesen Drogen gibt es ja auch ein psychologisches Verlangen, die Droge immer wieder einzunehmen – bei Antidepressiva ist das nicht der Fall. Ausserdem entsteht eine Stigmatisierung, wenn man von Entzugserscheinungen spricht und somit Antidepressiva wie auch andere Psychopharmaka in die Nähe von Rausch-Drogen rückt. Treffender sind die Begriffe Absetzerscheinungen und Absetzsymptome.

Wie dieses Phänomen entsteht, lässt sich gut anhand von SSRI-Antidepressiva beschreiben. SSRI steht für selective serotonin reuptake inhibitor, zu Deutsch Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer. Diese Medikamente blockieren den Serotonin-Transporter. Dadurch kann eine Nervenzelle, die den Botenstoff Serotonin ausgeschüttet hat, diesen nicht wieder aufnehmen. Deswegen erhöht sich die Serotonin-Konzentration im synaptischen Spalt, also zwischen zwei Nervenzellen. Durch dieses vermehrte Angebot an Serotonin werden Rezeptoren herunterreguliert, das heisst ihre Zahl und ihre Empfindlichkeit für den Botenstoff nehmen ab. Durch diese Veränderungen auf Rezeptor-Ebene und die nachgeschalteten Prozesse in der Nervenzelle erklärt man sich die antidepressive Wirkung des Medikaments.

Der Begriff „Entzugserscheinungen“ ist das falsche Wort. Treffender sind die Begriffe Absetzerscheinungen und Absetzsymptome.
Wenn man nun das Medikament absetzt, dann wird der Serotonin-Transporter nicht mehr blockiert. Nun kann das Serotonin wieder vermehrt in die ausschüttende Nervenzelle aufgenommen werden. Dadurch sinkt die Serotonin-Konzentration wieder relativ plötzlich. Dabei verändern sich die Rezeptoren nicht sofort, weil diese Prozesse Tage bis Wochen erfordern.

Es entsteht also ein Ungleichgewicht, und das führt zu den Symptomen. Schlafstörungen zum Beispiel entstehen, weil Serotonin im Zusammenspiel mit anderen Botenstoffen den Schlaf reguliert. Serotonin wirkt auch auf den Magen-Darm-Trakt, weil es sehr viele Serotonin-Rezeptoren in der Darmschleimhaut gibt. Wenn man plötzlich das Antidepressivum absetzt und somit den Botenstoff wegnimmt, dann kann das zu Durchfall oder Verstopfung führen.

Auch für das erwähnte Cymbalta dürfte der Mechanismus für die Absetzphänomene ähnlich sein, auch wenn dies kein klassisches SSRI-Medikament ist. Der Wirkstoff gehört zu den SSNRI-Antidepressiva. Das heisst: Es hemmt nicht nur die Wiederaufnahme von Serotonin, sondern auch die von Noradrenalin. Aber es fällt sehr schwer zu sagen: Dieses Absetz-Symptom ist auf Noradrenalin zurückzuführen und jenes Symptom auf Serotonin.

Absetzsymptome sind ein rein physiologisches Phänomen, das nichts mit Sucht oder „Entzug“ zu tun hat. Man kann diese Symptome auch verhindern oder zumindest reduzieren, und zwar durch das so genannte Ausschleichen: Man reduziert die Dosis des Medikamentes über einen gewissen Zeitraum: anfangs etwas schneller, am Ende etwas langsamer. Wenn man eine Tablette oder Kapsel hat, die man nicht zerteilen kann, dann kann man auch das Intervall zwischen zwei Einnahmen vergrössern: Also zum Beispiel nicht mehr jeden Tag eine Dosis, sondern nur noch jeden zweiten. Noch längere Abstände machen dann aber keinen Sinn mehr. Das Ausschleichen sollte man mit seinem Arzt besprechen.

Überhaupt appelliere ich daran, dass Patienten sich mit solchen Fragen jederzeit an ihren Arzt wenden sollten und dass der Arzt diese Bedenken dann auch ernst nehmen muss.

Prof. med. Gerhard Gründer

 

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